Gylthain hechtete
geduckt in Richtung Stall. Seine Tunika aus dunkelblauem Samt war gesprenkelt
mit Dreckflitzern, doch das war ihm egal. Dass bei jedem seiner schnellen Schritte
über den vom Regen aufgeweichten Boden der Schlamm hochspritzte, machte ihm
sogar Spaß. Aber er hatte keine Zeit, sich über die vielen schmutzigen Pfützen
zu freuen. Er war auf der Flucht.
Und diesmal würde
ihn Rowena nicht finden, denn er hatte nach der letzten, sehr anstrengenden
Unterrichtsstunde wirklich genug von Adelstiteln. König und Fürst und Prinz und
Marschall und Hauptmann und Hoheit und Majestät und Edle Dame… Viel zu
kompliziert!
Er verstand nicht,
wieso man nicht jeden Menschen einfach mit „du“ ansprechen konnte. Das würde
das ganze Leben einfacher machen – und Rowenas stinklangweilige Lehrstunden
dankenswerterweise überflüssig.
Hastig warf er
einen Blick nach hinten und stellte zufrieden fest, dass die Frau, deren helles
Häubchen sich vom herbstlichen Grau der Hauptstadt gut abhob, in die andere
Richtung schaute.
„Ha!“, lachte er
leise auf und huschte durch das Tor des Stalls.
Hier war er sicher
– dachte er zumindest just einen Herzschlag bevor er einen hellen Aufschrei
vernahm.
„Achtung!“
Doch der Warnruf
schallte zu spät. Gylthain schaffte es gerade noch, seinen Kopf umzudrehen, um
zu erkennen, dass er mit einem Jungen, der gerade einen Sattel vor sich
hertrug, zusammenstieß. Sein Opfer stolperte von der Wucht des Aufpralls getroffen
nach hinten, schaffte es nicht mehr, sich abzustützen, und landete mit einem
satten Plumps rücklings in einem sauber aufgeschichteten Haufen Pferdemist.
Der schmächtige
kleine Rohir starrte Gylthain erst aus großen, blauen Augen entgeistert an und rappelte
sich dann man beleidigter Miene von dem feuchten, stinkenden Haufen hoch. Der
Sattel, den er getragen hatte, lag am schmutzigen Boden.
Der Junge sah gar
nicht erfreut aus und seine Backen färbten sich rot.
„Spinnst du? Du
kannst doch nicht wie eine durchgedrehte Wildsau einfach blind hier
reinstürmen!“, schimpfte der Junge und schüttelte seine hellblonden Locken
ungläubig.
„Was zum… Wer bist
du denn?“, blaffte Gylthain den Jungen an. Dann erst drang die Beleidigung zu
ihm durch, doch noch bevor er erbost etwas erwidern konnte, plapperte sein
Gegenüber los.
„Mein Name ist
Fricstan und du störst mich bei der Arbeit. Jetzt bin ich endlich mit dem
Ausmisten des Stalls fertig und du zerstörst meine Misthaufen! Onkel Wigmund wird
nicht glücklich sein, wenn ich nicht rechtzeitig die Sättel eingeölt habe, weil
ich nochmals den ganzen Pferdedreck zusammenkehren musste! Und...“, er
schnupperte an seiner Weste und verzog angewidert das Gesicht.
„… wegen dir muss
ich mich jetzt auch noch baden. Ich hasse baden!“, maulte Fricstan und stöhnte
gequält auf.
Er warf den Kopf
in den Nacken und hob seine Hände in einer verzweifelten Geste, ehe er
erkannte, dass auch seine Finger komplett verdreckt waren. Grummelnd wischte er
sie an seiner Hose ab.
Dann erst musterte
der junge Knabe sein Gegenüber und seine Augen weiteten sich ein wenig
überrascht, als er das edle, samtene Gewand des älteren Burschen sah.
„Wer bist du
überhaupt?“
Gylthain fand
endlich wieder Worte und nahm eine fast herrschaftliche Pose ein, als er mit
Stolz verkündete: „Gylthain, Sohn des Gylmer, aus dem Hause Gyltreds.“
Fricstan legte den
Kopf schief und zog seine Brauen fragend zusammen.
„Wer?“
„Bist du dumm?“,
schnappte Gylthain, nun ein wenig genervt von diesem frechen Knaben.
„Nein, ich glaube
nicht“, grinste Fricstan und zuckte mit den Schultern, „aber ich bin auch noch
nicht so lange in Edoras, dass ich jeden hier kenne.“
„Achso.“
Gylthain kratzte
sich am Kopf und wusste nicht so recht, was er von dem Jungen halten sollte.
Dann hörte er Schritte. Schritte, die er nur allzu gut kannte, und die sich zu
seinem Entsetzen rasch näherten. Wie vom Blitz getroffen sprang er ein Stück
auf Fricstan zu, der sich sogleich verteidigungsbereit hinstellte, um nicht
wieder in einem Misthaufen zu landen.
„Rowena!“, keuchte
Gylthain leise.
„Wer ist das jetzt
schon wieder?“, wollte Fricstan wissen, aber Gylthain gab ihm keine Antwort
sondern sah sich nur gehetzt im Stall nach einer Fluchtmöglichkeit um.
„Sie darf mich
nicht finden!“
„Gut. Ich
verstehe. Da rein!“
Fricstan deutete
auf eine leere Box links von ihm. Gylthain hastete hinein und duckte sich in
eine Ecke, während Fricstan die Tür zur Box zudrückte und nur einen Spalt breit
offen ließ.
„Gylthain?
Gylthain!“, schallte eine Frauenstimme von draußen.
Dann trat Rowena
ein. Ein paar Haarsträhnen hatten sich aus ihrer sonst so ordentlich gewundenen
Flechtfrisur befreit und lagen frech auf ihrer Stirn. Ihr Gesicht war gerötet
und ihre Stimme streng, als sie Fricstan ansprach.
„Bursche, hast du
Gylthain gesehen?“
„Wen?“
Fricstan hatte
einen unverfänglichen Ton angeschlagen und eine unschuldige Miene aufgesetzt.
Seine blauen Äuglein waren weit geöffnet und er lehnte sich, die Hände am
Rücken verschränkt, eifrig ein Stück nach vorne um die Frau wie ein armes
Hündchen von unten herauf anzusehen.
Rowena seufzte
vernehmlich und stemmte ihre Arme in die Seite, doch ihr Ton war sanfter als
zuvor und ein Lächeln umspielte sogar ihre Lippen.
„Gylthain! Einen
Jungen. Blaue Tunika. Ist er hier vorbei gekommen?“
„Nein, ich habe
niemanden gesehen. Hier bin nur ich.“
Oh ja, Fricstan
wusste, wie er seinen kindlichen Charme spielen lassen musste. Rowena ließ
ihren Blick durch den Stall schweifen und blieb dann am selig lächelnden Knaben
vor ihr hängen.
„Hm. Na gut.“
Langsam drehte sie
sich um und verließ den Stall, um ihre Suche nach ihrem Schüler anderswo
fortzusetzen. Ihre Schritte verklangen und auch ihre „Gylthain!“-Rufe wurde
immer leiser, bis sie schließlich gar nicht mehr zu hören waren.
Vorsichtig wagte
Gylthain es, an die Boxentür heranzuschleichen und einen Blick hinaus zu
werfen. Aber er sah nur den Jungen, der ihn verstohlen angrinste und zu sich
winkte.
„Sie ist weg“, erklärte
dieser stolz, während er mit einer Hand ein paar Strohhalme vom Sattel bürstete
und ihn dann mit einem leisen Ächzen hochhob.
„Hab Dank,
Fricstan.“
Gylthain war mehr
als erleichtert und er eilte sogleich zu Fricstan, um ihm dabei zu helfen, den Sattel
ordentlich anzugreifen und zu tragen.
Er klopfte seinem
Gegenüber kameradschaftlich auf die Schulter und so, wie sein Vater immer zu
Männern sagte, die ihm einen Dienst erwiesen hatten, fügte er noch hinzu: „Du
bist ein guter Mann.“
Fricstans Augen
leuchteten freudig auf und er grinste über beide Ohren.
„Immer zu
Diensten, Gylthain, Gylmers Sohn! Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du
ein Versteck brauchst.“
ENDE
© Issi