Banner und Bücher

 

 

 

„Ich sollte wirklich nicht hier sein“, murmelte Fricstan und sah sich nervös um.

 

„Ach was, im schlimmsten Fall werfen sie dich raus. Dann landest du am Hosenboden. Na und? Wäre nicht das erste Mal.“

 

Gylthain grinste seinem Freund aufmunternd zu. Doch als dieser sich so gar nicht entspannen wollte, hopste er von seinem Sessel und trat zu ihm.

 

Tatsächlich hatten die beiden Jungen schon viel angestellt, aber in die privaten Gemächer von Gylmers Familie war Fricstan noch nie geschlichen.

 

„Uns fällt schon was ein, falls uns jemand erwischt“, versuchte Gylthain es nochmals.

 

„Jaaaaa“, dehnte Fricstan, „notfalls sage ich einfach, ich hätte des edlen Herren Stiefel poliert.“

 

Untertänigst verbeugte sich Fricstan vor Gylthain und beide lachten auf. Dann erinnerten sie sich daran, dass sie nicht erwischt werden durften, und schlugen fast synchron ihre Hände vor den Mund um ihr Lachen zu dämpfen.

 

Das amüsierte sie beinahe noch mehr als die Vorstellung von Fricstan, der Gylthains kleine Stiefel putzte, und die beiden schüttelten sich kichernd. Sie brauchten ein Weilchen, bis sie sich wieder einbekommen hatten.

 

„Also hier lernt man, ein feiner Herr zu werden“, murmelte Fricstan, nachdem er tief durchgeatmet und seinen Blick durch das Zimmer hatte schweifen lassen.

 

„Mhm.“

 

Fricstan trat zu den Wandteppichen und fuhr mit einem Finger über das Gewebe. Anschließend ließ er seine Hand über die Schnitzereien der hölzernen Vertäfelungen gleiten. Es war düster, aber dank einiger Kerzen hell genug, dass er die in Grün und Rot und mattem Gold bemalten, verschlungenen Knotenmuster bestaunen konnte.

 

Wie sehr aber seine Augen erst aufleuchteten, als er die an den Wänden hängenden Banner, Lanzen, Schwerter und Schilde betrachtete! Im Flackern der Kerzenflamme wirkte der schwarze, steigende Hengst, Wappentier des Hause Gyltreds und präsent auf all den Artefakten, gerade so als müsste er jeden Moment lebendig werden.

 

Nur schwer konnte sich Fricstan losreißen. Aber er wollte den Raum weiter inspizieren, denn er war geradezu verboten neugierig auf die vielen interessanten Gegenstände, die herumlagen. Grinsend trat er zum Schreibtisch, an dem Gylthain gerade noch gesessen hatte, und schielte auf die dort liegenden Schriftstücke.

 

Elegant geschwungene Linien in schwarzer und roter Tinte wanden sich über die Buchseiten. So etwas hatte Fricstan nun wirklich noch nie gesehen und im ersten Moment wusste er nicht, ob das wirklich Schrift war oder einfach eine Ansammlung dekorativer Borten.

 

„Das kannst du lesen?“, fragte er ungläubig.

 

Fricstan klang fast so, als hätte er seinem Freund so viel Bildung gar nicht zugetraut. Und Gylthain seufzte so, als wäre es ihm auch lieber, wenn dem tatsächlich nicht so wäre.

 

„Ich muss es leider lernen“, raunzte er, „weil mein Vater sagt, es gehört sich für jemanden meines Standes.“

 

„Ist, was hier steht, unsere Sprache?“, fragte Fricstan interessiert.

 

Gylthain trat ein Stück näher und ließ seinen Blick ebenfalls über die filigranen Tintenstriche gleiten. Er brummte ein wenig gelangweilt:

 

„Nein, das ist die Schrift und die Sprache der Elben. Die Sprache der Gelehrten.“

 

„Wieso lernst du die Schrift und die Sprache der Elben?“

 

„Keine Ahnung.“

 

Gylthain zuckte mit den Schultern. Er hielt diesen Unterricht sogar für noch sinnloser als höfisches Benehmen, denn das konnte er zumindest alltäglich anwenden. Wieso Fricstan die Schriftstücke so interessant fand, konnte Gylthain nicht nachvollziehen. Andererseits hatte Fricstan als Sohn eines Bauern wohl auch noch nie etwas in dieser Art gesehen.

 

„Was heißt das da?“, fragte Fricstan und zeigte auf ein Wort, das ihm besonders gefiel.

 

Gylthains Lippen formten Buchstabe für Buchstabe im Stillen, ehe er das Wort laut aussprach: „Dôr. Das heißt ‚Land‘ in unserer Sprache.“

 

„Hm.“

 

Dieses Wort gefiel Fricstan offensichtlich nun doch nicht. Er legte seinen Finger unter ein paar andere Schriftzeichen: „Und das?“

 

„Agammen. Das heißt ‚ich sprang‘.“

 

Fricstan schürzte die Lippen unzufrieden und suchte ein weiteres Wort.

 

„Was ist mit diesem her?“

 

Gylthain schob den Finger seines Freundes ein Stück weg, damit er das Elbenwort lesen konnte.

 

„Pilin. Das heißt ‚Pfeil‘.“

 

Fricstan nickte und ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Apropos Pfeil. Mit einer schelmischen Miene machte er ein paar Schritte nach hinten, zurück zu den aufgehängten Waffen, Bannern und Schilden.

 

„Diese Elbenschrift ist doch was für Mädchen“, ulkte er und zwinkerte Gylthain verschwörerisch zu. Dieser lachte auf und machte einen Satz in Fricstans Richtung.

 

Richtige Männer spielten nun mal mit Schwertern, nicht mit Schreibfedern. Da waren sich Fricstan und Gylthain einig und der Blick beider Jungen wanderte gleichzeitig zu dem großen Schild, der an der Wand hing.

 

„Du drückst mich hoch und ich hole ihn runter. Einverstanden?“, flüsterte Fricstan.

 

Gylthain grinste breit und nickte. Dann bot er seinem Freund seine ineinander gefalteten Hände als Stegreif.

 

ENDE

 

 

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© Issi